An die Liebe Gottes glauben


Papst Pius XII. sagte einmal: „Die hl. Therese hat das Herz des Evangeliums wieder entdeckt.“ Können wir uns eine tiefere Bestätigung ihrer Lehre vorstellen? Das Herz ist der Mittelpunkt des menschlichen Körpers. Die Lehre der hl. Therese ist das Herz des Evangeliums und unseres Glaubens. Sie lehrt uns also nicht Randerscheinungen unseres Glaubens oder vergängliche Mode-Erscheinungen, sondern führt uns in die Tiefe unseres christlichen Glaubens.

Die Grundlage unseres Glaubens ist die Liebe Gottes zu uns Menschen und zu unserer Welt. So sagt es auch der Apostel Johannes in seinem ersten Brief: „Gott hat uns zuerst geliebt, als wir noch Sünder waren, damit wir ihn lieben“ (1 Joh 4,10). Aus Liebe zu uns Menschen hat er die Welt erschaffen, damit wir das Leben und die Freude haben und einmal das ewige Leben erben. Aus Liebe zu uns ist sein Sohn Mensch geworden: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn sandte, damit wir das wahre Leben haben.“ Aus Liebe zu uns Menschen ist sein Sohn am Kreuz gestorben: „Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Einmal fragte mich jemand aus dem Kreis der Zuhörer: „Hätte Gott nicht auch eine andere Möglichkeit gehabt, die Menschen zu erlösen, als seinen Sohn am Kreuz sterben zu lassen?“ Ich antwortete: „Dadurch hat er die Größe und unfassbare Liebe zu uns zeigen können!“ Aus Liebe zu uns Menschen hat Gott seinen Sohn auferweckt aus dem Tode, damit wir ewiges Leben haben und auch für uns der Tod besiegt ist. Aus Liebe zu uns Menschen hat Jesus das Sakrament der Eucharistie eingesetzt, damit sein Kreuzesopfer nicht vergessen wird, sondern jederzeit gegenwärtig bleibt. Auch will sich Jesus mit uns vereinigen in der heiligen Kommunion und in uns und bei uns bleiben.

Gott existiert von Ewigkeit her als der drei-eine Gott und ist unendlich glücklich und vollkommen in der Liebe des Hl. Geistes. Aber diese Liebe schäumt gewissermaßen über und will auch andere Wesen einbeziehen und glücklich machen. Darum hat er die Welt und uns Menschen erschaffen, um auch andere Wesen mit seiner Liebe und Barmherzigkeit überhäufen zu können. Der hl. Augustinus sagte: „Weil er gut ist, haben wir unser Dasein, darum leben wir.“ Er hat uns nicht aus Notwendigkeit erschaffen; er braucht uns nicht. Seiner Liebe allein verdanken wir unser Dasein.

Der hl. Apostel Johannes, der beim heiligen Abendmahl an der Brust Jesu ruhte und seine Liebe am besten verstand, hat sie uns in seinem ersten Brief geoffenbart, wenn er sagte: „Deus caritas est: Gott ist die Liebe.“ Diese Worte trug die erste Enzyklika unseres Papstes Benedikt als Titel. Gott hat den Menschen nach dem Zeugnis der Bibel in einer wunderbaren Harmonie mit sich selbst und mit uns erschaffen. Unsere niedrigen Fähigkeiten und Begierden waren allein den höheren Fähigkeiten, der Liebe und dem Gehorsam, untergeordnet. Doch die Sünde hat das alles umgeworfen, sie verletzte unsere menschliche Natur tief, was wir als Erbsünde bezeichnen. Wir sind seitdem der ungeordneten Begierlichkeit, den Leiden, der Krankheit und dem Tod ausgeliefert. Doch Gottes Liebe war größer und hat gleich nach der Ursünde eine Frau und ihren Sohn als Sieger über die Schlange angekündigt. Gott hat den Menschen zwar bestraft, aber nicht für immer verworfen, sondern ihm einen Erlöser verheißen. So singen wir in der Osternacht: „O glückliche Schuld, welchen Erlöser hast du uns verdient“ (Exsultet). Gott hat die Schuld des Menschen umgewandelt in eine größere Gnade und Gottesgemeinschaft, indem wir durch Christus mit Gott versöhnt und seine Töchter und Söhne geworden sind.

Die Sünde des Menschen bestand im Stolz und in der Auflehnung gegen Gott, letztlich in der Verachtung der Liebe Gottes. Sie konnte nur durch eine unendliche Liebe wieder gutgemacht werden. Das ewige Wort wurde Fleisch, damit die Liebe in ihm und durch ihn triumphieren konnte. Er liebte uns trotz unserer Sünden und unserer Unwürdigkeit und schenkte uns die Gnade, ihn zu lieben und seine Barmherzigkeit zu erkennen. Als der hl. Paulus von Kalvaria sprach, fand er nur ein Wort: „Die Torheit des Kreuzes“ (1 Kor 18,23). Das Wort „Torheit“ will sagen, dass die Liebe Gottes unser Verstehen übersteigt: die Geburt in Bethlehem: Der unendliche Gott, den Himmel und Erde nicht fassen können, liegt als kleines Kind auf dem Stroh. Sein Leben in Nazareth: 30 Jahre lang lebt Jesus in Verborgenheit und im Gehorsam. Sein Leiden in Gethsemani und auf Kalvaria: das Geheimnis der Eucharistie. Diese Taten und Worte bedeuten die unergründlichen Tiefen der Liebe Gottes. In der Stunde unseres Todes, wenn wir vor Gott erscheinen werden, werden wir vielleicht unser ganzes Leben überschauen mit all seinen Schwächen und allem Versagen, sicher auch mit unseren Erfolgen und guten Taten. Da wünsche ich uns, dass wir sagen können: „Jesus, bist du nicht auf die Erde gekommen, um unsere Sünden auf dich zu nehmen? Der Preis deines Blutes ist meine Hoffnung und mein Heil.“ Darum sagte die hl. Therese in ihrem Weihegebet: „Am Abend dieses Lebens werde ich mit leeren Händen vor dir erscheinen … ich habe keine Verdienste, sondern berufe mich auf deine Verdienste!“ Sie vertraut ganz auf die Verdienste Jesu, auf sein Leiden und Sterben, und nicht auf ihre eigenen Verdienste. Welche Zartheit der Liebe liegt in diesen Worten. Alle unsere übernatürlichen Gaben, unsere Gebete und guten Werke, sind seine Verdienste.

Die Liebe Gottes zu uns zeigte sich in seiner Menschwerdung, in seinem Leiden und Sterben, und in der Eucharistie. Sie übersteigt unser menschliches Verstehen, wir können nur vor solcher Liebe staunen und sie anbeten. Deshalb ist es unverständlich, wie sich in den letzten Jahrhunderten die Irrlehre des Jansenismus ausbreiten konnte. Sie hat aus dem liebenden und barmherzigen Gott einen strengen und strafenden Gott werden lassen. Jesus sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr Lasten zu tragen habt, ich werde euch Ruhe verschaffen.“ Er könnte auch sagen: „Kommt alle zu mir, die ihr Sünder seid und nötig habt, gerettet zu werden.“ Die Irrlehre des Jansenismus, die auch heute noch nicht überwunden ist, lehrt uns das Fürchten vor einem strafenden und rächenden Gott. Aus Angst vor diesem heiligen Gott traute sich niemand mehr, die hl. Kommunion zu empfangen, weil wir ja nicht würdig sind. Da sandte Gott eine heilige Margareta Maria Alacoque von Paray-le-Monial und offenbarte ihr sein brennendes Herz, das von Dornen umrahmt ist. Jesus sagte ihr: „Das ist das Herz, das die Menschen so sehr geliebt hat, das sich verzehrt hat, um ihnen seine Liebe zu erweisen.“ Das Herz ist Symbol der Liebe und spricht vom innersten Wesen eines Menschen. Jesus wollte den Menschen wieder seine Liebe zeigen. Wie wir gehört haben, hat auch Therese gegen Ende des 19. Jahrhunderts das Herz des Evangeliums neu entdeckt, die Liebe Gottes zu den Menschen. Im Jansenismus hatten die Menschen Angst vor der Strafe Gottes, bei Therese bettelt Gott um unsere Liebe. Das ist eine Wendung um 180°. Das ganze Evangelium könnten wir unter diesem Aspekt der Liebe Gottes neu lesen und tiefer verstehen.

Wenn wir so geliebt wurden, müssen wir unsererseits Liebe für Liebe geben. Das Hauptgebot lautet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mt 22,37). Es enthält alle anderen Gebote und gilt für alle Menschen. Es ist eine Antwort auf die zuvorkommende Liebe Gottes zu uns.

Dies verlangte Jesus auch von seinen Jüngern. Nach seiner Auferstehung stellte er dem Petrus dreimal die Frage: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?“ Da Petrus mit „Ja“ antwortete, erhielt er die Aufgabe, die Schafe Jesu zu weiden. Jesus hätte auch eine andere Frage stellen können: „Petrus, bist du fähig, die anderen mitzureißen? Kannst du andere lehren, bist du ein Vorbild der Demut? Er stellte keine solche Frage, sondern: „Petrus, liebst du mich?“ Der hl. Paulus sagt: „Die Vollendung des Gesetzes ist die Liebe“ (Röm 13,10). Der hl. Augustinus sagt: „Liebe, und tu, was du willst.“ Der hl. Johannes vom Kreuz behauptet, „dass die kleinste Regung der Liebe der Kirche nützlicher ist, als alle Werke zusammen“. Therese von Lisieux sagte am Ende vor ihrem Tod mit flüsternder Stimme: „Ich habe alles gesagt. Nur die Liebe zählt“ (Letzte Worte, S. 190). Nach ihrem Tode lässt sie Wunder wie Rosen vom Himmel regnen, um uns zu sagen: „Ich habe mich nicht getäuscht; es kommt wirklich nur auf die Liebe an.“

Liebe ist immer freiwillig. Ich wähle jemand aus, dem ich meine Zuneigung schenke. Jesus hat sich so sehr erniedrigt, dass er unter anderen Dingen und Menschen ausgewählt werden kann. Oft sind wir in der Versuchung, etwas anderes oder einen anderen ihm vorzuziehen, wie damals, als Jesus vor Pilatus stand, und die Juden den Barrabas gewählt hatten. Wie muss das Jesus weh getan haben, da er seinem Volke nur Gutes erwiesen hat. Der Reiz des Materiellen oder des Verbotenen ist oft stärker, so dass die Menschen es ihm vorziehen. Wir gläubigen Menschen werden oft am Tag in Versuchung geführt, so dass wir ihn bewusst wählen und ihm unsere Liebe schenken können. Unsere christliche Religion ist nicht eine Ideologie oder Gesetzesvorschriften, sondern eine Person: Jesus Christus. Auch unsere täglichen Arbeiten können wir als Pflicht tun oder aus Liebe zum Herrn. Ohne Liebe ist alles schwer und ermüdet schnell. Ein Kreuz, das man zögernd aufnimmt, drückt nieder; aber es mit Liebe angenommen, trägt es einen. Durch die Liebe kann auch ein Kreuz leicht und zu einer Quelle des Segens werden. Ebenso geht es mit unseren Gebeten und mit dem Gottesdienst-Besuch: Jesus wünscht, dass wir alles aus Liebe und mit Freude ganz bewusst erfüllen. Bitten wir Jesus um seine Liebe, dass unser Herz davon entzündet wird und etwas ausstrahlt. Je mehr wir unsere Ohnmacht spüren, um so mehr kann Jesus uns seine Liebe schenken. „Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“, ruft der hl. Paulus aus (2 Kor 12,10). Eine große Gefahr für unsere Liebe ist das Gefühlsmäßige. Oft spüren wir keine Freude am Gebet, und unser Herz scheint kalt zu sein. Hier braucht es großen Glauben, dass wir nicht an der Gegenwart Christ zweifeln. Diese Not kannte auch Therese, als sie in den Karmel eingetreten war. Sie spricht oft von Trockenheit im Gebet, und dass Jesus scheinbar weit entfernt sei. Doch sie kürzt ihr Gebet nicht ab und zweifelte nicht am Wert ihres Gebetes, weil sie verstandesmäßig um die Nähe Jesu wusste. Auch wir könnten in solchen Stunden beten: „Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ Liebe ist die Erfüllung des Willens Gottes und unsere Vereinigung mit ihm, auch wenn wir keine schönen Gefühle empfinden.

„Liebe für Liebe“, war das Thema dieses Artikels. Glauben wir von neuem an die Liebe Gottes, der unser Vater ist, an Jesus, der unser Freund, Bräutigam, Erlöser und Mittelpunkt der Herzen ist. Er neigt sich auch in Milde über unsere Schwachheit und schenkt uns sein Erbarmen. Glauben wir auch an den Hl. Geist, der unsere Herzen mit der Liebe Gottes entzünden kann. Hier denken wir an das Wort Jesu: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und wie sehr wünschte ich, dass es brenne.“ Der Mathematiker Albert Einstein sagte: „Das Problem unserer Zeit ist nicht die Atomenergie, sondern das Problem des Herzens der Menschen.“ Ein Problem, das nur Jesus lösen kann.

Monsignore Anton Schmid