Kreuzgang der Barmherzigkeit an der Basilika in Lisieux

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Am Donnerstag, dem 1. Oktober 2015, genau an dem Gedenktag der heiligen Therese, wurde im Kreuzgang der Basilika in Lisieux ein neuer Raum zum Beten und Meditieren eingeweiht.
Der "Kreuzgang der Barmherzigkeit", wie er genannt wird, erzählt eine Episode im Leben der heiligen Therese.
Es geht um den dreifachen Mörder Henri Pranzini. Therese liest 1887 über ihn in der Zeitung von Lisieux, obwohl ihr Vater ihr die Zeitungslektüre nicht gestattete. Für Therese ist es nun wichtig, hier auf Erden für sündige Menschen zu beten, damit sie Barmherzigkeit erlangen.

In der Theresienliteratur "Das Abenteuer einer großen Liebe" von Monika-Maria Stöcker kann man folgendes nachlesen:

"Der schönste Abschnitt meines Lebens

Ein Verbrecher bekehrt sich

Um meinen Eifer anzuspornen, zeigte mir Gott, dass es ihm gefällt, wenn ich mich selbst vergesse und an meine Mitmenschen denke.
Ich hörte damals von einem großen Verbrecher, bei dem zwei Frauen und ein Mädchen umgebracht wurden. Außerdem wurde gestohlener Schmuck aufgefunden. Die Polizei verhaftete einen verdächtigen Mann namens Henri Pranzini. Die gesamte französische und ausländische Presse berichtete einige Male über diesen Fall und erwähnte die schmutzigsten Einzelheiten. Pranzini wurde wegen des schrecklichen Verbrechens zum Tod verurteilt. Er zeigte keinerlei Reue und legte kein Geständnis ab. Auch weigerte er sich, mit dem Gefängnisseelsorger zu sprechen.
Alle waren empört über diesen Schuft, wie sie ihn nannten, ich aber wollte ihn um jeden Preis für den Himmel retten. Nein, er sollte nicht verlorengehen!
Es war mir selbstverständlich klar, dass ich ihm nicht sein Leben auf Erden retten konnte, darum sagte ich dem lieben Gott im Gebet immer wieder: 'Bitte, vergib Pranzini die schwere Sünde! Jesus ist doch für alle Sünder am Kreuz gestorben, auch für Pranzini. Lass ihn zu dir in den Himmel kommen.' Außerdem bat ich Céline, eine heilige Messe lesen zu lassen. Für wen, wagte ich nicht zu sagen; ich traute mich nicht, selbst darum zu bitten, aus Angst, ich müsse verraten, dass sie für den großen Verbrecher Pranzini sei. Doch Céline stellte mir so liebevolle und eindringliche Fragen, dass ich ihr mein Geheimnis anvertraute. Weit davon entfernt, sich über mich lustig zu machen, bat sie mich, mir bei der Bekehrung meines Sünders helfen zu dürfen. Ich nahm das natürlich dankbar an, denn ich hatte gewünscht, dass alle Menschen sich mit mir zusammentun, um für die Rettung Pranzinis zu beten.
Im Grunde meines Herzens fühlte ich mit Gewissheit, dass Gott meinen Wunsch erfüllen werde. Um mir aber selbst Mut zu machen und nicht aufzuhören, für Pranzini zu beten, sagte ich dem lieben Gott, dass ich fest glaube, dass er Pranzini diese Mordtaten verzeihe, auch wenn dieser nicht beichte und kein Zeichen der Reue gebe. So groß war mein Vertrauen in die unendliche Liebe Jesu. Zu meinem Trost bat ich Gott, mir doch ein Zeichen seiner Reue zu geben ... Mein Gebet wurde wörtlich erhört!
Trotz des deutlichen Verbotes, das Papa ausgesprochen hatte, irgendeine Zeitung zu lesen, interessierten mich die Seiten, die von Pranzini handelten. Musste ich doch auf dem laufenden bleiben.
Am Tage nach seiner Hinrichtung fiel mir die Zeitung "La Croix" ("Das Kreuz") in die Hand. Beim hastigen Durchlesen erfuhr ich, dass Pranzini nicht gebeichtet hatte. Er bestieg das Schafott und wollte eben seinen Kopf in das grausige Loch stecken, als er sich plötzlich umwendet, das Kreuz ergreift, das ihm der Priester hinhielt, und dreimal die Wunden Jesu küsst - dann wurde er geköpft. Seine Seele aber fand Gnade bei Gott, denn Jesus hat auf Erden verkündet: 'Im Himmel ist mehr Freude über einen einzigen Sünder, der Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.'

Ich hatte das erbetete Zeichen erhalten! Damit niemand meine Freudentränen sah, versteckte ich mich. Dieses Ereignis bestärkte mich in meinem Entschluss, Menschenfischer zu werden, das heißt, ich wollte Seelen für den Himmel gewinnen. Der beste Platz dafür schien mir der Karmel zu sein. Pranzini war mein erstes Kind, das ich für den Himmel geboren hatte."

vgl.: Monika-Maria Stöcker, Das Abenteuer einer großen Liebe, Therese von Lisieux (1873-1897), Ein Jugendbuch nicht nur für junge Leute, Paulinus-Verlag, Trier, 5. Auflage 2010, S. 65-68.
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Einladung zum Beten und Meditieren im "Kreuzgang der Barmherzigkeit"
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Am Ende des Kreuzgangs der Basilika findet man diesen Raum des Innehaltens.
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Ein Foto-Parcours erzählt die Geschichte von Therese und Henri Pranzini.
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Pranzini wird betend kurz vor seiner Hinrichtung dargestellt.
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Therese hört in den Buissonnets von Pranzinis Geschichte.
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Pranzini betrachtet die Fenster, die die Hinrichtung symbolisieren.
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Therese betet für den Mörder Pranzini.
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Ein Kreuz wird ihm unter Thereses Blicken gereicht.
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Therese wünscht Pranzinis Bekehrung.
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Therese hält in ihrer Hand eine Taube, Frieden und Barmherzigkeit symbolisierend.
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Die Künstlerin:
Fleur Nabert
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Einweihungsfeier, Donnerstag, 1. Oktober 2015.