2. Unterrichtsstunde

Die Botschaft der heiligen Theresia: "der Kleine Weg"

"Ich möchte meinen Himmel damit verbringen, auf Erden Gutes zu tun. Ich werde Rosen regnen lassen." (Theresia von Lisieux)
Während dieser zweiten Unterrichtsstunde sitzen die Schüler im Kreis. Der Lehrer stellt die Frage nach der Königin der Blumen und erhält als Antwort, dass das die Rose sei. Auf die Frage, wann und warum man Rosen verschenkt, könnten die Schüler folgendes reflektieren: zum Geburtstag, zum Valentinstag, bei Hochzeiten, zum Abschied, aus Dank, um Beileid zu zeigen, bei Geburten ...

Rosen verschenkt man, um zu zeigen, dass man jemanden mag/liebt bzw. um jemandem eine Freude zu bereiten.

Der Lehrer bittet nun eine Schülerin, sich in die Mitte des Kreises auf den Boden zu setzen und eine Bettlerin zu spielen. Ein weiterer Schüler und eine Schülerin spielen ein Paar, das unterwegs ist. Passende Requisiten (Münzen, Rose) liegen bereit. Der Lehrer liest nun die Geschichte von Rainer Maria Rilke und der Bettlerin vor und die Schüler spielen sie als Stegreifspiel pantomimisch.

Im Anschluss daran erfolgt die Analyse dieser Darstellung:

L.: Wie verhält sich die Bettlerin am Anfang der Geschichte?
L.: Warum gab ihr Rilke kein Geld, sondern eines Tages eine Rose?
L.: Warum küsste die Frau Rilkes Hand und verschwand daraufhin?
L.: Warum blieb sie eine Woche lang verschwunden?
L.: Wieso kann man von Rosen leben?

Die Schüler sollen durch diese kleine Geschichte erkennen, dass wir Menschen nicht nur von materiellen Gütern und Werten leben, die uns heute zur Verfügung stehen, sondern von Gesten und Zeichen, die wir aus unserem Herzen unseren Mitmenschen in die Hände legen, von denen Menschen ganze Tage über leben können. Eine Sprache verstehen alle Menschen: die des Herzens.

Um zur Thematik der Unterrichtsstunde zurückzufinden, erfahren die Schüler in einem kurzen Lehrervortrag, dass die heilige Theresia sich während ihres kurzen Lebens zum Ziel gesetzt hat, Rosen zu verschenken, allerdings auf symbolische Art und Weise. Dazu hat sie einen kleinen Weg gewählt, den auch wir alle gehen könnten. Sie sagt: "Jesus verlangt von mir keine großen Taten. Ich habe kein anderes Mittel, um Gott meine Liebe zu beweisen, als aus Liebe zu ihm die allerkleinsten Dinge zu tun." und "Ich möchte meinen Himmel damit verbringen, auf Erden Gutes zu tun. Ich werde Rosen regnen lassen."

Der Lehrer stellt die Schüler vor die Aufgabe zu überlegen, was alle tun könnten, um mit kleinen Dingen so zu handeln wie die heilige Theresia, um dann auch Gott zu gefallen. Die Schüler könnten folgendes zusammentragen:

ein Lächeln
ein kleiner Verzicht
einen unangenehmen Menschen bewusst ertragen
eine lästige Arbeit nicht aufschieben
ein Gebet geduldig zu Ende führen
ein freundlicher Gruß
ein Besuch
eine kleine Anerkennung
ein netter Brief
ein Telefonat
eine liebe Geste
eine freundliche SMS
eine nette E-Mail etc.


Die Schüler schreiben diese Möglichkeiten ihres kleinen Weges auf ausgeschnittene Rosen (vom Lehrer vorbereitet) eine Möglichkeit pro Rose und heften diese Rosen auf ein ebenfalls vom Lehrer vorbereitetes Plakat an die Wand, so dass letztendlich ein Rosenstrauß entsteht, der für eine gewisse Zeit visualisiert im Klassenraum hängen soll.

Gegen Ende der Stunde erhält jeder Schüler symbolisch eine Rose aus Pappe an den Rücken geheftet. Auf dieser Rose steht:

Eine Rose für dich, weil

Alle Schüler gehen im Klassenraum kreuz und quer durcheinander und haben nun den Auftrag, etwas Liebes, d.h. nur Positives, den Mitschülern auf den Rücken zu schreiben. Dabei muss nicht jeder Schüler jeden Mitschüler bedenken, aber es soll auch kein Schüler mit einer leeren Rose nach Hause gehen. Folgende Möglichkeiten bieten sich an:
weil:

ich dich mag
du nett bist
du mir immer hilfst
ich mich auf dich verlassen kann
ich dich als Freund/in nicht verlieren möchte
du mich so magst, wie ich bin
du ehrlich zu mir bist
du immer für mich da bist
ich dir eine Freude machen will etc.


Die Schüler nehmen "ihre" Rosen mit nach Hause und sollen sich somit besser, selbstbewusster, zufriedener, glücklicher fühlen und motiviert werden, über den "kleinen Weg" der heiligen Theresia nachzudenken und ihn selber auch in die Tat umsetzen.
Als Hausaufgabe erhalten die Schüler den Auftrag, einen einzigen Gegenstand ihrer Wahl mitzubringen, den sie von einem Menschen oder Tier haben, der/das ihnen nahe steht bzw. zu dem sie eine besondere Beziehung haben/hatten.

Anhang: Text

Die Bettlerin und die Rose
Von Rainer Maria Rilke gibt es eine Geschichte aus der Zeit seines ersten Pariser Aufenthaltes.

Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern als nur immer die Hand auszustrecken, saß die Frau stets am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zur Antwort: "Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand." Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen.

Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon.

Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe.

Nach acht Tagen saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. "Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?", frage die Französin. Rilke antwortete: "Von der Rose . . ."